{"id":3756,"date":"2025-05-08T12:11:58","date_gmt":"2025-05-08T10:11:58","guid":{"rendered":"https:\/\/rozstaje.art\/?p=3756"},"modified":"2025-10-15T11:42:38","modified_gmt":"2025-10-15T09:42:38","slug":"juhurta","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rozstaje.art\/be\/juhurta\/","title":{"rendered":"Juhurta"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\"><em>Erz\u00e4hlung \u00fcber das alte Charkiw.<\/em><\/p>\n<p>Durch runde, niedrige H\u00fcgel getrennt flossen zwei Fl\u00fcsse. Beide waren von frechen Sauergr\u00e4sern \u00fcberwuchert: Schilf, Seggen, Binsen und Rohrkolben. Im Fr\u00fchjahr riss das Hochwasser ganze Brocken von Gley mit sich, an denen die Wurzeln des Schilfs wie Borsten herausragten, und trug die abgerissenen Inseln dorthin, wo sich die Fl\u00fcsse vereinigten.<\/p>\n<p>Irgendwo in den Ver\u00e4stelungen der zusammengeflossenen Fl\u00fcsse hielten Schilfklumpen f\u00fcr den Sommer an, \u00fcberwucherten, bildeten ein Flo\u00df, und auf diesem Flo\u00df nisteten schwarze Teichh\u00fchner. Die Stillgew\u00e4sser rund um das Fl\u00f6\u00dfchen wucherten mit Seerosen und Wasserlinsen zu, die Teichh\u00fchner liefen \u00fcber die Seerosenbl\u00e4tter, als w\u00e4ren sie trockenes Land, und wurden von der \u00fcppigen Nahrung fett.<\/p>\n<p>N\u00e4her an der schnellen Str\u00f6mung lebten Fliegenschn\u00e4pper und dort br\u00fcteten auch Stockenten. Die gro\u00dfen, muskul\u00f6sen gr\u00e4ulichen Enten f\u00fcrchteten sich vor den Teichh\u00fchnern, und selbst ihre blaugrauen Erpel scheuten den Kampf mit den Fliegenschn\u00e4ppern.<\/p>\n<p>Doch viele waren es nicht. Auf dem Donez aber gab es ihrer viele, in jenen Seen, die einst Altarme des Donez waren und heute nur noch mit der Breite ihrer Schultern zeigten, wie m\u00e4chtig der Donez in grauer Vorzeit gewesen war.<\/p>\n<p>Entlang des gesamten Donez lebten auch G\u00e4nse \u2013 eine gro\u00dfe, graue Rasse, doch Schw\u00e4ne gab es erst im Schwanensee, rund sechzig Kilometer von der Vereinigung der beiden Fl\u00fcsse entfernt, und im Rabensee, etwa hundertvierzig Kilometer entfernt, gab es ihrer unz\u00e4hlige.<\/p>\n<p>Im Fr\u00fchjahr und im Herbst waren jedoch auch viele Schw\u00e4ne auf dem Gro\u00dfen Lyman zu sehen, und sogar Pelikane folgen dorthin.<\/p>\n<p>Zwischen den beiden Fl\u00fcssen, auf den runden H\u00fcgeln, erstreckte sich ein Wald, der sich mit den Fl\u00fcssen vom Mittelrussischen Landr\u00fccken bis hinunter in den S\u00fcden zu den tatarischen Fl\u00fcssen Orel und Samara erstreckte. An den linken Ufern, auf dem Sand, wuchsen \u00fcblicherweise Kiefernw\u00e4lder. Dort machten die Waldschnepfen Rast, w\u00e4hrend sie weiter in die Steppen des Vorkaukasus zogen.<\/p>\n<p>Obwohl es an den beiden Fl\u00fcssen keine Schw\u00e4ne und G\u00e4nse gab, waren sie voll von Leben. Verschiedene Schnepfenv\u00f6gel wateten knietief durch die schlammigen Stellen der Fl\u00fcsse. Bekassine versteckten sich hinter Wei\u00dfwurzen. In dem frischgr\u00fcnen, vom Wasser bedeckten Gras lauerten die geradlinig fliegenden Doppelschnepfen. Kr\u00e4hen nisteten im Wald zwischen den Fl\u00fcssen. Der Rabe \u2013 seit jeher ein wassernaher Vogel \u2013 lief am Ufer entlang oder sa\u00df, als uralter Beobachter, stundenlang auf einem Weidenzweig und hielt Ausschau nach den Eiern der Fliegenschn\u00e4pper oder der Stockente.<\/p>\n<p>Tauchenten \u2013 kleine, gro\u00dfe und mit Schopf \u2013 riefen in den tiefen Seen in der N\u00e4he der Fl\u00fcsse einander zu. Rund, hell und klar wurden die Seen sp\u00e4ter \u201eMakorteten\u201c genannt, aber damals waren die Fl\u00fcsse schon so seicht geworden, dass die Tauchenten dort nicht mehr leben konnten und zum Donez abwanderten.<\/p>\n<p>In der Luft flatterten wei\u00dfe Seeschwalben, wie Bl\u00fctenbl\u00e4tter der Wolken, nur ihr Schrei war sehr irdisch, sie kreischten wie gefl\u00fcgelte Albinos, wei\u00df mit roten Augen. Braunbefl\u00fcgelte M\u00f6wen \u2013 klagende Schreierinnen \u2013 lie\u00dfen sich wie ein zitterndes Netz auf das Unterwassergras bei den Doppelschnepfen nieder, und die Doppelschnepfen schossen wie fliegende Pfeile davon, aufgescheucht von den zudringlichen Ank\u00f6mmlingen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>I.<br \/>\nEs war ein schw\u00fcler Mittag. Auf dem Platz war niemand au\u00dfer einem berittenen Stadtpolizisten mit wei\u00dfen Handschuhen (die zu Fu\u00df gehenden Polizisten trugen keine Handschuhe, und ihre H\u00e4nde, rot wie Rote Bete, Unteroffizierspranken mit schwarzen Krallen, ragten direkt aus dem schwarzen \u00c4rmel mit rotem Besatz). Der Stadtopolizist sa\u00df aufrecht auf einem guten Pferd, regungslos und dennoch wirbelte Staub \u00fcber den Platz.<br \/>\nIrgendwelche Luftz\u00fcge, dieselben, die seit jeher als Winde durch die steilen Lehmgruben fegten und die vom Grandhotel, der Kapelle und dem Polizisten nur unzureichend aufgehalten wurden, wirbelten Staubwolken aus den Schlagl\u00f6chern des Pflasters empor.<br \/>\nDer Geruch dieses Staubs war sauer und kr\u00e4ftig. Wassermelonenschalen, Kartoffelpelle, Reste von Eint\u00f6pfen, von Tabak durchtr\u00e4nktes, feuchtes Zigarettenpapier, tote Ratten, die man in den Abfalleimern gefangen und erstickt hatte, all das wurde in jedem Hof zu einem hohen Haufen aufget\u00fcrmt, mit Seifenwasser \u00fcbergossen und, nur notd\u00fcrftig mit drei morschen Brettern vom Haus getrennt, trocknete es im Juli aus.<br \/>\nDann zerfiel das Ganze unter der sengenden Steppensonne zu Staub, flog \u00fcber die Bretter hinweg, wurde vom Hof hinausgeweht und sammelte sich in den Vertiefungen der auf Sand verlegten Pflastersteine. Der Staub roch nach dem ganzen Leben Charkiws, und die Passanten, die ihn einatmeten, husteten, niesten und r\u00f6chelten.<br \/>\nDoch zu dieser Zeit war kein einziger Passant auf dem Platz. Der Kaufmann Petro Iwanowytsch Dudkin, der den Platz bald \u00fcberqueren sollte, sa\u00df noch zu Hause und trank Tee, und der Hauslehrer seiner Kinder, der Gymnasiast Juhurta, war noch nicht beim Platz des hl. Sergius angekommen.<br \/>\nDer Kaufmann Dudkin geh\u00f6rte zu den alten Herren von Charkiw und k\u00e4mpfte nun gegen den Kaufmann Uchow und die Kohlenmagnaten um die Macht. Er unterst\u00fctzte mit seinem Einfluss die Zeitschrift Der Stachel und deren Redakteur Hermejer im Kampf gegen die Liberalen. Der Stachel erschien auf miserablem grauem Papier, kostete f\u00fcnf Kopeken, und Redakteur Hermejer \u2013 von Beruf entweder Schl\u00e4chter oder Rausschmei\u00dfer in einem Bordell \u2013 war Dudkin nicht einmal f\u00fcnf Kopeken wert. Mit seinen gewaltigen F\u00e4usten verteidigte er sich selbst gegen die vom Stachel verachteten Liberalen.<\/p>\n<p>Hermejer zahlte keine Honorare. Er hatte nur einen fest angestellten Karikaturisten \u2013 einen der Druckereigehilfen, dem die seiner \u00c4hnlichkeit der Karikaturen egal waren. Er zeichnete einfach mit der Feder eine kleine Figur mit \u00fcbergro\u00dfem Kopf, und unter der Zeichnung stand dann stets genau, wer dargestellt war. Jeder Text \u00fcber Liberale, Juden, Studenten oder Professoren wurde sofort abgedruckt \u2013 vorausgesetzt, er hatte ausreichend sensationellen Biss.<br \/>\nDudkin selbst war ein eingetragener Adliger mit Universit\u00e4tsbildung. Einer jener wenigen Gutsbesitzer, die in den Kapitalismus nicht als Besiegte, sondern als Verb\u00fcndete eingetreten waren. Nachdem er bereits Millionen angeh\u00e4uft hatte, wandte er sich wieder dem Feudalismus zu und war eine St\u00fctze der Charkiwer Schwarzen Hundertschaft.<br \/>\nEr kleidete sich hinter einem Paravent an. Er trug bereits lackierte Stiefeletten mit elastischen Seitenteilen und schob die hintere Lasche unter das Hosenbein seiner blauen Cheviot-Hose, als die Klingel sanft ert\u00f6nte \u2013 der Hauslehrer seiner Kinder, Juhurta, war gekommen. Vom Diwan im Nebenzimmer erhob sich Frau Dudkina, eine gro\u00dfe, dicke, schwarze Dame mit unglaublich, ja \u00fcbernat\u00fcrlich krausem Haar, die ein wenig an ein verschlafenes Lamm erinnerte, und umarmte Dudkin z\u00e4rtlich. Er dr\u00fcckte sein Gesicht in ihren weichen Busen.<br \/>\n\u201eSch\u00e4tzchen!\u201c, sagte Dudkin bewegt. \u201eDer junge Mann ist der Hauslehrer. Warum bist du aufgestanden? Der Arzt hat dir Ruhe verordnet!\u201c<br \/>\nDudkins schwarze \u00c4uglein blickten z\u00e4rtlich unter seinen grau gewordenen Brauen hervor. Sie streichelte ihm \u00fcber das K\u00f6pfchen und kehrte auf ihre Ottomane zur\u00fcck. Auch sie liebte ihren Dudkin liebevoll, diesen feinen, gebildeten kleinen Ritter, aber bei Juhurta sp\u00fcrte sie instinktiv etwas, das sie ihre kurzen Beine auf der Ottomane streckte, die Zehen in ihren Schuhen entlang ihres K\u00f6rpers ausrichtete, dann aber ein leichter Krampf ihre Waden durchzog. Sie schloss die Augen.<br \/>\nDudkin, noch nicht ganz angezogen, warf sich ein feingeripptes Samtjackett \u00fcber und ging zu Juhurta hinaus. Sein j\u00fcngster Sohn, George, ein flinker, zappeliger Tunichtgut, in dessen Gesicht nur Nasenl\u00f6cher, Lippen und Warzen zu sehen waren, sa\u00df schon am Tisch. Er war zwei Jahre \u00e4lter als sein Hauslehrer, aber im Gymnasium zwei Klassen unter ihm.<br \/>\nAls er seinen Vater sah, l\u00e4chelte George ironisch, schlug sein blaues Heft auf und begann ungeduldig mit den Fingern darauf den Rhythmus von \u201eDas lieben alle M\u00e4dchen\u201c zu trommeln. Juhurta blickte auf.<br \/>\nEr sah Dudkin \u00fcberrascht und fast ehrf\u00fcrchtig an. Es war schwer zu glauben, dass dieser feine, weiche, freundliche Mann ein Schwarzhundertschaftler, Kurkul, Million\u00e4r, Geizhals und Clown war. Juhurta wurde verlegen, als ihm einfiel, was man ihm \u00fcber Dudkin erz\u00e4hlt hatte.<br \/>\nDudkin bemerkte es, als er sah, wie die Finger des Hauslehrers unruhig Zeichen formten \u2013 Kreuze, Kooperativsymbole \u2013 in einer laokoonesken Geste der Verwirrung.<br \/>\n\u201eWie viel m\u00f6chten Sie, Juhurta Kornelijewytsch?\u201c sagte Dudkin sanft. \u201eMan hat mir nur Gutes \u00fcber Sie erz\u00e4hlt. Ich hoffe, wir werden uns nicht streiten.\u201c<br \/>\n\u201eOh ja! Oh ja!\u201c, sagte Juhurta, nun v\u00f6llig verlegen. Er err\u00f6tete tief, bis in die Wurzeln seines zerzausten Haares.<br \/>\n\u201eNa sehen Sie\u201c, sagte Dudkin. \u201eSetzen Sie sich, setzen Sie sich, mein Lieber. Ich war auch einmal Student, ich selbst&#8230;\u201c Er senkte die Stimme, \u201eich war selbst Sozialist. Die kommenden Generationen werden meinen Reichtum aufteilen, ich werde nur sein Verwalter sein, mehr nicht!\u201c<br \/>\n\u201eIch glaube nicht an den Sozialismus\u201c, sagte Juhurta.<br \/>\n\u201eSchade, schade, mein Lieber. Auch Christus war ein Sozialist. Er sagte&#8230;\u201c<br \/>\n\u201eIch glaube auch nicht an Christus\u201c, unterbrach ihn Juhurta bedr\u00fcckt, was ihn selbst erschreckte. Doch Dudkins helles, feines Gesicht zog sich nicht zusammen. Er klopfte Juhurta freundlich auf die Schulter, und Juhurta entspannte und setzte sich.<\/p>\n<p>Dudkin ging lautlos \u00fcber den Teppich hinaus. Juhurta musterte George von der Seite. George g\u00e4hnte m\u00fcde und begann, seine Hefte zu zeigen. In den Heften standen mit vollendet m\u00e4nnlicher Handschrift nachl\u00e4ssig hingeschriebene, verdrehte franz\u00f6sische W\u00f6rter, zornig von der nerv\u00f6sen Hand des Lehrers durchgestrichen.<\/p>\n<p>Dudkin ging in die Garage, wo ein kleiner Mercedes stand. Er wechselte ein paar Worte mit dem Chauffeur Leonid, w\u00e4hrend er unauff\u00e4llig die Luft schnupperte. Er \u00fcberpr\u00fcfte den Benzinstand im Tank, erinnerte sich an etwas und nickte freundlich.<\/p>\n<p>Dann ging er in den Pferdestall: der Kutscher Trochim f\u00fchrte einen fuchsfarbenen Mischling heraus. Das Pferd stieg, durch den Hafer voller Kraft, auf die Hinterbeine \u2013 man h\u00e4tte es ein paar Kilometer im harten Trab ausreiten m\u00fcssen. Aber das Hufeisen am rechten Vorderbein sa\u00df locker, und der Million\u00e4r \u00e4nderte seine Meinung. Er wies Trochim an, dem Fuchs drei Tage lang keinen Hafer zu geben, und nahm den Schl\u00fcssel zur Vorratskammer mit.<\/p>\n<p>Es war warm und schw\u00fcl; Pjotr Iwanowytsch beschloss, dem kleinen Boulevard bis zur Altmoskauer Stra\u00dfe zu gehen und dann mit der Pferdebahn zu fahren. Er ging den Boulevard entlang \u2013 dieser Boulevard hatte die Stadt nichts gekostet: Gepflanzt hatte ihn die Gesellschaft der \u00e4sthetisch gesinnten Gymnasiasten des Dritten Gymnasiums bei einem Fest, auf dem Pjotr Iwanowytsch eine Rede \u00fcber die Bedeutung der \u00c4sthetik im russischen Leben gehalten hatte. Daher galt der Boulevard als unbedeutend und lag am Flu\u00df Charkiw, der einer Jauchegrube glich.<\/p>\n<p>Doch selbst der saure Geruch des stehenden Wassers st\u00f6rte Pjotr Iwanowytsch nicht: im Gestank selbst wusste er feine Obert\u00f6ne zu unterscheiden, \u00e4therische D\u00fcfte, die es nur in seiner Stadt gab und die ihn daran erinnerten, dass er ihr Herr war. Im derben Gestank der F\u00e4ulnis stiegen immer wieder nur f\u00fcr feine Nasen unerwartete Aromen auf. Heute roch er einen Hauch von Veilchen \u2013 er l\u00e4chelte, w\u00e4hrend er die Luft tief durch die Nase einsog.<\/p>\n<p>In der N\u00e4he der Kaserne des Pensaer Regiments bog er in die Altmoskauer Stra\u00dfe ein. In einem gestreiften Wachh\u00e4uschen schlief der Posten. Der lange h\u00f6lzerne B\u00fcrgersteig war seit dem Vorabend mit Schalen bedeckt, trocken und schallend unter der Julisonne. Pl\u00f6tzlich wehte ein frischer, leichter Luftzug her\u00fcber: Eine Hausbesitzerin hatte durch das Gartentor einen Eimerinhalt auf die Hauptstra\u00dfe gekippt \u2013 Melonenschalen, Zigarettenschachteln der Marke \u201eKalfa\u201c; ein ganzer Wurf ertrunkener K\u00e4tzchen blitzte einen Moment lang regenbogenhaft auf und landete auf dem Pflaster in einem Netz aus Seifenschaum. Das Tor schlug blitzschnell zu und war wieder gr\u00fcn, ruhig und schl\u00e4frig, als h\u00e4tte es sich seit zwanzig Jahren nicht ge\u00f6ffnet.<\/p>\n<p>Pjotr Iwanowytsch, geschickt den Abf\u00e4llen ausweichend, lief herbei und stieg in die Pferdebahn. Der offene Wagen bestand aus acht gelben Gartenb\u00e4nken. An beiden Seiten verliefen zwei lange Holzbretter mit eisernen Kanten, \u00fcber die der Schaffner ging und Fahrkarten verkaufte.<\/p>\n<p>Dudkin stellte sich auf das vordere Trittbrett. Der Kutscher sa\u00df auf einem Fahrradsattel, der auf einer Eisenstange montiert war. Eine lange Peitsche, d\u00fcnn wie ein Schilfblatt, wuchs aus zwei Eisenringen heraus. Der Kutscher d\u00f6ste, denn die Strecke war eben, das Pferdegespann trottete in schwerem, lahmem Konkaschritt \u00fcber die Schienen, das Eisen der beschlagenen Hufe klapperte.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich sprang ein Student namens Lauks w\u00e4hrend der Fahrt von den Stufen \u2013 ein gro\u00dfer, gut aussehender Blondschopf in grauem Hemd unter einer kurzen Jacke. Er musste ins Schachcaf\u00e9. Pjotr Iwanowytsch begann etwas \u00fcber Regelverst\u00f6\u00dfe zu rufen, aber gerade in diesem Moment kam ein Viehtreiber mit einem Zusatzgespann, um den Wagen den H\u00fcgel zum Mykolajiw-Platz hinaufzuziehen, und Pjotr Iwanowytsch wandte seine Aufmerksamkeit dem Viehtreiber zu.<\/p>\n<p>Der Viehtreiber war zottelig, ein leicht betrunkener Bursche mit einer Tschamarre. Anstelle einer Uniformm\u00fctze trug er ein fettiges schwarzes K\u00e4ppi, das kaum seinen kurzen Hinterkopf bedeckte. In der linken Hand hielt er ein Zaumzeug f\u00fcr zwei Pferde mit Eisenhaken, den er im Vorbeigehen in einen Ring an den Kutschbock einh\u00e4ngte. In der rechten hatte er eine ebenso lange Peitsche wie der Kutscher. Er sprang auf die Trittstufe und begann sofort mit seiner Peitsche zu schlagen, der Kutscher schlug mit seiner, beide schrien, und Dudkin bemerkte neugierig, dass der Viehtreiber nur die Vorderpferde schlug, der Kutscher nur die Pferde des Viehtreibers. Die Peitschen zischten, verfingen sich auf den Pferder\u00fccken, und der Wagen arbeitete sich im schleppenden Trab den Platz hinauf.<\/p>\n<p>Als sie auf den Platz kamen, riss etwas. Vielleicht hatte der Kutscher die Pferde ein wenig lauter angeschrien, w\u00e4hrend er die Eisenkette der Bremse mit einem Quietschen aufzog, um die abgearbeiteten, lahmen G\u00e4ule an der Haltestelle zum Stehen zu bringen, oder vielleicht hatte die Glocke der Pferdebahn etwas heller geklingelt, oder war die Schiene beim Abbiegen lauter ert\u00f6nt, aber der Riemen des Pferdes, auf dem der berittene Polizist sa\u00df, gab nach und riss genau an der Stelle, wo der Sattler vor einer Woche mit Dudkins Garn geflickt hatte. Der Riemen riss und der eingenickte Polizist st\u00fctzte sich in den linken Steigb\u00fcgel und kippte sanft kopf\u00fcber unter den Bauch des Pferdes. Das Pferd, erschrocken durch das Man\u00f6ver seines Herrn und galoppierte, aufgestachelt von Hafer und Schneckenklee, \u00fcber den Platz. Der Polizist in Flaschenstiefeln, mit Sporen und wei\u00dfen Handschuhen, lag auf dem holprigen Pflaster.<\/p>\n<p>Der Schlosser Wassil Chomitsch Iswjekow stieg von seinem Fahrrad, stoppte das Pferd und band es an eine Laterne. Dann setzte er sich wieder aufs Rad und fuhr \u00fcber das Kopfsteinpflaster weiter in Richtung Park, wo das Fahrradrennen stattfinden sollte.<\/p>\n<p>Er fuhr nicht schnell: Das Pflaster, das dem R\u00fccken eines verwesten Krokodils glich, verhinderte von selbst und ohne Anordnung des Stadtoberhaupts jede hohe Geschwindigkeit. Das Kopfsteinplaster erinnerte an einen Erdrutsch in einem kaukasischen Fluss: runde Steine ragten daraus wie N\u00fcsse in Schokolade, Mist sammelte sich in seinen Vertiefungen an. An beiden Seiten des Krokodilsr\u00fcckens lagen zwei ausgetrocknete Streifen dichter Staubschichten, in denen B\u00fcrsten und Stroh steckten, angeschwemmt von der letzten Regenflut. Iswjekow fuhr so langsam, dass Pjotr Iwanowytsch seine blauen Augen und den blauen Schnurrbart wiedererkannte. Im Vorraum der Gendarmerieverwaltung traf er den Assistenten des Polizeihauptmanns Tschwyrka.<\/p>\n<p>Der runde, haar-, augenbrauen- und bartlose Assistent des Polizeihauptmanns bedeutete in der Stadt unvergleichlich mehr als der Polizeimeister selbst. Heute war Bessonow Polizeimeister, morgen Krause, \u00fcbermorgen irgendein angetrunkener F\u00fcrst Gagarin \u2013 aber Tschwyrka war immer da, f\u00fcr alle Zeiten. Dudkin wechselte ein paar Worte mit ihm im Vorzimmer von Oberst Weressow, dem Leiter der Gendarmerie, und trat dann ins B\u00fcro ein.<\/p>\n<p>W\u00e4hrenddessen pumpte Juhurta gerade die Reifen seines Fahrrads auf, als pl\u00f6tzlich wie zuf\u00e4llig Jewhenija, Dudkins \u00fcbertrieben schwarzgelockte, wohlbeleibte Ehefrau, in den Flur trat. Die Wohnung war leer: George war in der Garage bei Chauffeur Leonid, und Jewgenija blieb an der T\u00fcr stehen und begann schwer und schnell zu atmen. Pl\u00f6tzlich bemerkte sie \u00e4rgerlich, dass ihr Atem sich dem Rhythmus der Fahrradpumpe anpasste. Sie r\u00e4usperte sich, Juhurta hob den Blick, und seine Augen fielen auf das wei\u00dfe Band aus Valenciennes-Spitze unter ihrem vollen Busen.<\/p>\n<p>Juhurta lie\u00df h\u00f6flich von der Pumpe ab und richtete sich auf. Jewhenija begann erneut schwer zu atmen. F\u00fcr einen Moment \u00fcbertrugen sich die Nervenwallungen ihres Begehrens auf Juhurta, doch er verstand sie nicht und erkl\u00e4rte freundlich, dass er zum Fahrradrennen fahre. Er begann sogar ausf\u00fchrlich, von dem Wettbewerb zu erz\u00e4hlen, doch Jewhenija wurde pl\u00f6tzlich k\u00fchl und erhaben, wie die Spitzen in der Auslage bei Alschwang. Juhurta verstummte, wurde verlegen und rollte mit dem Fahrrad hinaus, wobei er mit dem Lenker gegen die T\u00fcrklinke stie\u00df.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>This work was produced with the financial assistance of the European Union. The views expressed herein can in no way be taken to reflect the official opinion of the European Union.<\/em><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-large wp-image-3716\" src=\"https:\/\/rozstaje.art\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Logo_horizontal_colour_3-1024x182.png\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"182\" srcset=\"https:\/\/rozstaje.art\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Logo_horizontal_colour_3-1024x182.png 1024w, https:\/\/rozstaje.art\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Logo_horizontal_colour_3-300x53.png 300w, https:\/\/rozstaje.art\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Logo_horizontal_colour_3-768x136.png 768w, https:\/\/rozstaje.art\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Logo_horizontal_colour_3-1536x273.png 1536w, https:\/\/rozstaje.art\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Logo_horizontal_colour_3-2048x364.png 2048w, https:\/\/rozstaje.art\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Logo_horizontal_colour_3-16x3.png 16w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erz\u00e4hlung \u00fcber das alte Charkiw. 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